Vitamin D stärkt Muskeln und Lebensqualität: Neue Erkenntnisse für Menschen mit degenerativen Lendenwirbelsäulenerkrankungen

Vitamin D stärkt Muskeln und Lebensqualität: Neue Erkenntnisse für Menschen mit degenerativen Lendenwirbelsäulenerkrankungen

Vitamin D rückt immer stärker in den Fokus der Forschung, wenn es um die Gesundheit von Muskeln und Rücken geht. Patienten mit degenerativen Erkrankungen der Lendenwirbelsäule erleben häufig eine deutliche Einschränkung ihrer Beweglichkeit und Lebensqualität. Neue wissenschaftliche Daten machen jedoch Hoffnung: Durch regelmäßige Vitamin-D-Einnahme lassen sich nicht nur die Muskelkraft, sondern auch Schmerzempfinden und Alltagstauglichkeit positiv beeinflussen. Damit eröffnet sich ein vielversprechender Ansatz, der die Behandlungsmöglichkeiten entscheidend erweitern könnte.

Degenerative Erkrankungen der Lendenwirbelsäule, von denen Menschen jeden Alters, aber insbesondere ältere Menschen betroffen sind, gehören weltweit zu den häufigsten Ursachen für akute oder chronische Schmerzen und Einschränkungen im Alltag. Beispiele für degenerative Erkrankungen der Lendenwirbelsäule sind Zustände wie Bandscheibenvorfall, Spinalkanalstenose (=Einengung des Spinalkanals) oder Facettengelenksarthrose (=Arthrose der kleinen Wirbelgelenke). Damit einher gehen häufig Symptome wie Rückenschmerzen, Gehschwierigkeiten und verringerter Muskelanteil. 

In einer kürzlich durchgeführten prospektiven Kohortenstudie von Dechsupa et al. (2025) wurden 115 Patienten im Alter zwischen 50 und 80 Jahren mit degenerativen Lendenwirbelsäulenerkrankungen untersucht (1). Alle Teilnehmenden hatten niedrige Vitamin-D-Spiegel (< 30 ng/mL). Über sechs Monate erhielten sie wöchentlich 40.000 Internationale Einheiten Vitamin D2 (Ergocalciferol). Vor und nach der Intervention wurden Körperzusammensetzung, Muskelkraft, Beweglichkeit, Schmerzintensität und Lebensqualität gemessen. 


Ergebnisse: Mehr Muskelmasse, weniger Schmerzen

Die Einnahme von Vitamin D führte zu deutlichen Verbesserungen bei den Probanden: 

  • Vitamin-D-Status: Der Medianwert¹ stieg von 24,9 ng/mL auf 43,1 ng/mL, 85 % der Patienten erreichten einen ausreichenden Wert (definiert als >30 ng/mL). 
  • Körperzusammensetzung: Die Muskelmasse nahm signifikant zu, während Körperfett und Taillenumfang abnahmen. 
  • Beweglichkeit und Funktion: Tests wie der Balance-Test², die Gehgeschwindigkeit und der Chair-Stand-Test³ zeigten klare Verbesserungen. 
  • Schmerz und Lebensqualität: Schmerzwerte (VAS⁴) und der Oswestry Disability Index (ODI)⁵ sanken deutlich, während die Lebensqualität (EQ-5D-5L) spürbar anstieg. 

Die Studie zeigt, dass eine sechsmonatige hochdosierte Vitamin-D-Supplementierung messbare Vorteile bei Rückenschmerzpatienten bringt. Es traten keine relevanten Nebenwirkungen bei den Studienteilnehmern auf. Die Studienautoren empfehlen, Vitamin D stärker in die therapeutischen Strategien einzubeziehen, um Lebensqualität und Beweglichkeit dieser Patientengruppe gezielt zu verbessern. 


Fazit: 

Die Ergebnisse machen deutlich, dass Vitamin D nicht nur die Muskelmasse, sondern auch die körperliche Leistungsfähigkeit und die Lebensqualität von Patienten mit degenerativen Lendenwirbelsäulenerkrankungen verbessern kann. Vitamin D2 stellt somit eine sichere, kosteneffiziente und leicht verfügbare Möglichkeit dar, klassische Behandlungskonzepte bei degenerativen Lendenwirbelsäulenerkrankungen zu unterstützen und Beschwerden nachhaltig zu lindern. 


¹ Medianwert = mittlerer Wert einer Datenreihe. 50% der gemessenen Werte sind kleiner und 50% sind größer als der Medianwert. 

² Der Balance-Test bewertet das Gleichgewicht des Körpers, ohne die Unterstützung einer Gehhilfe, anhand von drei stehenden Positionen für 10 Sekunden: 1. mit geschlossenen Füßen stehen, 2. mit der Seite der Ferse eines Fußes die Großzehe des anderen Fußes berühren und 3. mit der Ferse eines Fußes vor den Zehen des anderen Fußes stehen und diese berühren. 

³ Der Chair-Stand-Test misst die Zeit in Sekunden, die benötigt wird, um fünfmal so schnell wie möglich aus einem Stuhl mit Stehhöhe aufzustehen, während die Arme über der Brust verschränkt werden. 

⁴ Alle Teilnehmer wurden hinsichtlich Rücken- und Beinschmerzen mit dem Visual-Analog-Skala (VAS)-Instrument bewertet. Die Skala bietet eine ordinale Skala von 0 bis 10. Ein höherer Wert bedeutet eine stärkere Schmerzintensität. Die Teilnehmer wurden angewiesen, ihre aktuelle Schmerzintensität durch das Markieren einer Linie anzugeben. 

Schmerzen und funktionelle Beeinträchtigungen wurden mit dem Oswestry Disability Index (ODI)-Fragebogen beurteilt, der zur Bewertung von Wirbelsäulenerkrankungen empfohlen wird. Der Fragebogen deckt folgende Bereiche ab: Schmerzintensität, Körperpflege, Heben, Gehen, Sitzen, Stehen, Schlaf, sexuelle Aktivität, soziales Leben und Reisen. 

 

Quellenangaben:

(1) Dechsupa, S., Yingsakmongkol, W., Limthongkul, W., Singhatanadgige, W., Assawakosri, S., & Honsawek, S. (2025). Vitamin D supplementation improves muscle mass, physical function, and quality of life in patients with degenerative lumbar disease. Clinical and Translational Science, 18(8), e70315. https://doi.org/10.1111/cts.70315

Bildquelle: 

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Knochen, Muskeln und Sturzgefahr

Knochen, Muskeln und Sturzgefahr

Vitamin-D-Mangel kann bei älteren Menschen zu Osteopenie, Osteoporose und erhöhtem Sturzrisiko führen. In dieser klassischen Rolle fördert Vitamin D die Knochengesundheit bei jüngeren und älteren Erwachsenen, hat seinen Siegeszug gegen die Kinderkrankheit Rachitis angetreten und verhindert Frakturen bei den Älteren der Gesellschaft. Seit einiger Zeit wird jedoch auch die Rolle von Vitamin D in der Muskelkrafterhaltung und Sturzverminderung betont.

Vitamin D stärkt Knochen und verhindert Alterung

Vitamin D-Mangel ist eine weit verbreitete medizinische Diagnose, die eine wichtige Rolle bei der menschlichen Knochengesundheit spielt. Ein schwerer Vitamin-D-Mangel (25-OH-D < 10 ng/ml) führt bei Kindern zu Rachitis und bei Erwachsenen zu einer Osteomalazie (=Knochenerweichung) und Osteoporose (=Knochenschwund), was  zu Knochenschmerzen und Frakturen bzw. Deformierung der Knochen führt (1, 2).

Vitamin D ist ein entscheidender Faktor  beim Kalzium- und Phosphorstoffwechsel und hilft sicherzustellen, dass ausreichende Mengen dieser Mineralstoffe für metabolische Funktionen und zur Knochenmineralisierung zur Verfügung stehen. Das Sonnenhormon erhöht die Effizienz der Calciumabsorption im Darm von 10-15% auf 30-40%. Auf der Grundlage mehrerer Tierversuche wird angenommen, dass Vitamin D auch die Phosphoraufnahme  über den Darm von 50-60% auf etwa 80% erhöht (3).

poröser Knochen

Eine Studie (4) von Wissenschaftlern am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) und der Universität von Kalifornien konnte nachweisen, dass ein Mangel an Vitamin D nicht nur den Aufbau und den Erhalt der Knochen bremst, sondern die Knochen auch vorzeitig altern lässt. Die Gefahr von Knochenbrüchen wächst.

Ursache für den Alterungsprozess sei eine Mineralisationsstörung, so der Studienleiter Dr. Björn Busse. Ohne ausreichendes Vitamin D gelingt die Einlagerung von Kalzium, dem "Knochenbau-Material", bei der ständigen Erneuerung und beim Umbau der Knochen nicht.

Wird das neu angelegte Gewebe nicht mineralisiert, belegt das unmineralisierte Gewebe einen großen Teil der Knochenoberfläche und verhindert so die Einlagerung der Knochenzellen.


Stärkung der Muskulatur durch Vitamin D

Neben der positiven Wirkung auf die Knochendichte hat Vitamin D einen unmittelbaren stärkenden Effekt auf die Muskulatur, was neben einer Begünstigung des Kalziumeinstroms in die Muskelzelle durch eine rezeptorvermittelte Stimulation der Muskelproteinsynthese erklärt wird (5, 6). Möglicherweise ist dieser Zusatzeffekt für die Frakturreduktion unter Vitamin-D-Supplementierung entscheidend, da Stürze der primäre Risikofaktor für Frakturen sind.

Dies untermauern auch Studienergebnisse, wonach es bereits nach zwei bis drei Monaten der Supplementierung von Vitamin D zu einer signifikanten Reduktion des Sturzrisikos kommt, die Muskulatur also sehr schnell auf eine Vitamin-D-Zufuhr reagiert, und wonach sich die Frakturreduktion bereits nach etwa sechs Monaten bemerkbar macht (7).


Das Sonnenhormon vermindert Sturzrisiko

In einer 2004 publizierten Meta-Analyse (8), basierend auf 5 randomisierten Doppelblindstudien (1237 Teilnehmer), reduzierte Vitamin D das Sturzrisiko einer älteren Person um 22% im Vergleich zu Placebo oder Kalzium. Die bei der Beurteilung von Therapien immer sehr wichtige “Number needed to treat” (NNT) war 15, was bedeutet, dass 15 Personen therapiert werden müssten, um eine Person vor einem Sturz zu bewahren.

Die weitere Analyse der Daten ergab auch in diesem Zusammenhang wieder, dass die ausreichend hohe Dosierung von Vitamin D sehr wichtig ist. In einer Studie (9), die nur geringe Gaben von 400 I.E. Vitamin D untersuchte, kam es zu keiner Sturzreduktion, während in zwei Studien, die 800 I.E. Vitamin D plus Kalzium (1.200 mg/Tag) testeten, eine Verminderung des Sturzrisikos um 35% auftrat (8).

Ab dem 75. Lebensjahr ist die Hüftfraktur die häufigste Fraktur, wobei bis zu 50% der Betroffenen mit einer dauerhaften Behinderung rechnen müssen, 15% bis 25% droht der Eintritt in eine Pflegeinstitution, und bis zu 20% versterben im ersten Jahr nach ihrer Fraktur (10,11,12). Die exponentielle Zunahme der Hüftfrakturen führt zu einer geschätzten Häufigkeit von einer unter 3 Frauen, und einem unter 6 Männern mit einer erlittenen Hüftfraktur in der neunten Lebensdekade. Analog ist die durch Hüftbrüche verursachte Behinderung in der älteren Bevölkerung enorm und die geschätzten Kosten sollen allein in den USA von 7,2 Milliarden im Jahr 1990 auf 16 Milliarden im Jahr 2020 ansteigen (13). Diese gewaltige Zahlen unterstreichen die Bedeutung der Knochengesundheit für unsere gesamte Gesundheit und unser Gesundheitssystem.

Quellen:

  1. Gani, L. U., & How, C. H. (2015, August). PILL Series. Vitamin D deficiency. Retrieved from https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4545131/
  2. Dawson-Hughes B, Harris SS, Krall EA, Dallal GE. Effect of calcium and vitamin D supplementation on bone density in men and women 65 years of age or older. The New England journal of medicine 1997;337(10):670–6.
  3. Wacker, M., & Holick, M. F. (2013, January 10). Vitamin D – effects on skeletal and extraskeletal health and the need for supplementation. Retrieved from https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3571641/
  4. Björn Busse et al., Vitamin D Deficiency Induces Early Signs of Aging in Human Bone, Increasing the Risk of FractureScience Translational Medicine, 10 July 2013, 5/193, p. 193ra88
  5. Bischoff-Ferrari, H. A., Borchers, M., Gudat, F., Dürmüller, U., Stähelin, H. B., & Dick, W. (2004, February). Vitamin D receptor expression in human muscle tissue decreases with age. Retrieved from https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/14969396
  6. Ceglia, L., Da Silva Morais, M., Park, L. K., Morris, E., Harris, S. S., Bischoff-Ferrari, H. A., . . . Dawson-Hughes, B. (2010, April). Multi-step immunofluorescent analysis of vitamin D receptor loci and myosin heavy chain isoforms in human skeletal muscle. Retrieved from https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20549314
  7. Bischoff-Ferrari, H. A., Dawson-Hughes, B., Staehelin, H. B., Orav, J. E., Stuck, A. E., Theiler, R., . . . Henschkowski, J. (2009, October 01). Fall prevention with supplemental and active forms of vitamin D: A meta-analysis of randomised controlled trials. Retrieved from https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19797342
  8. Bischoff-Ferrari, H. A., Dawson-Hughes, B., Willett, W. C., Staehelin, H. B., Bazemore, M. G., Zee, R. Y., & Wong, J. B. (2004, April 28). Effect of Vitamin D on falls: A meta-analysis. Retrieved from https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15113819
  9. Graafmans, W. C., Ooms, M. E., Hofstee, H. M., Bezemer, P. D., Bouter, L. M., & Lips, P. (1996, June 01). Falls in the elderly: A prospective study of risk factors and risk profiles. Retrieved from https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/8633602
  10. Magaziner, J., Hawkes, W., Hebel, J. R., Zimmerman, S. I., Fox, K. M., Dolan, M., . . . Kenzora, J. (2000, September). Recovery from hip fracture in eight areas of function. Retrieved from https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10995047
  11. Tinetti, M. E., & Williams, C. S. (1997, October 30). Falls, injuries due to falls, and the risk of admission to a nursing home. Retrieved from https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9345078
  12. Cummings, S. R., Kelsey, J. L., Nevitt, M. C., & O’Dowd, K. J. (1985). Epidemiology of osteoporosis and osteoporotic fractures. Retrieved from https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/3902494
  13. Cummings, S. R., Rubin, S. M., & Black, D. (1990, March). The future of hip fractures in the United States. Numbers, costs, and potential effects of postmenopausal estrogen. Retrieved from https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/2302881

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