Freies Vitamin D – neue Diagnostik oder überschätzter Laborwert?

Vitamin D gehört zu den am intensivsten erforschten Mikronährstoffen der letzten Jahrzehnte. Lange wurde es ausschließlich als Vitamin betrachtet, heute weiß man: Vitamin D wirkt im Körper wie ein Hormon. Es beeinflusst zahlreiche Gene und spielt eine wichtige Rolle für Knochen, Immunsystem, Muskeln und viele weitere Prozesse. In der medizinischen Diagnostik wird üblicherweise das sogenannte Gesamt-Vitamin-D im Blut gemessen – genauer gesagt 25-Hydroxy-Vitamin-D (25(OH)D). 

In den letzten Jahren wird jedoch vermehrt diskutiert, ob nicht das „freie Vitamin D“ die tatsächliche Versorgung besser widerspiegelt. Doch was bedeutet „freies Vitamin D“ überhaupt – und ist dieser Wert wirklich aussagekräftiger?


Vitamin D wirkt im Körper wie ein Hormon

Vitamin D entfaltet seine biologische Wirkung erst nach mehreren Umwandlungsschritten im Körper. Die aktive Form, das sogenannte 1,25-Dihydroxy-Vitamin-D (1,25(OH)₂D), bindet an den Vitamin-D-Rezeptor (VDR) in den Zellen und reguliert dort die Aktivität zahlreicher Gene. Dadurch beeinflusst Vitamin D unter anderem:

  • den Kalziumstoffwechsel
  • die Knochengesundheit
  • das Immunsystem
  • die Muskelkraft
  • das Nervensystem
  • die Herzgesundheit
  • uvm.

Diese hormonähnliche Wirkung erklärt, warum Vitamin D in der Forschung heute häufig als Sonnenhormon bezeichnet wird.


Warum ist der größte Teil von Vitamin D im Blut gebunden?

Im Blut liegt Vitamin D überwiegend nicht frei, sondern an Transportproteine gebunden vor. Der größte Teil ist an das Vitamin-D-Bindungsprotein (DBP) gebunden, ein kleinerer Teil an Albumin, ein Transporteiweiß im Blut. Nur ein sehr kleiner Anteil des Vitamin D zirkuliert frei im Blut. Dieser freie Anteil macht nur einen Bruchteil des Gesamt-Vitamin-D aus. Dieses Transportprinzip hat einen wichtigen Vorteil: Die Bindungsproteine wirken wie ein Speicher- und Transportsystem, das Vitamin D stabil im Blut verfügbar hält.


Die Idee hinter der Messung von freiem Vitamin D

Einige Forscher orientieren sich an der sogenannten Free-Hormone-Hypothese. Diese besagt, dass nur der freie Anteil eines Hormons biologisch aktiv ist, weil nur dieser direkt in Zellen gelangen kann.

Überträgt man diese Hypothese auf Vitamin D, entsteht die Idee:

Vielleicht sagt der freie Vitamin-D-Anteil mehr über die tatsächliche Versorgung des Körpers aus als der Gesamtwert.

Daher wurden Laborverfahren entwickelt, mit denen man freies 25(OH)D messen kann.


Warum dieser Ansatz nicht so einfach ist

Bei Vitamin D ist die Situation jedoch komplexer als bei vielen anderen Hormonen. Ein Teil des gebundenen Vitamin D kann nämlich über spezielle Zellmechanismen aufgenommen werden. Besonders in der Niere geschieht dies über Transportrezeptoren (Megalin und Cubilin). Dadurch kann auch gebundenes Vitamin D biologisch genutzt werden. Das bedeutet: Gebundenes Vitamin D ist nicht automatisch biologisch inaktiv. Deshalb betrachten die meisten Fachgesellschaften den Gesamt-Vitamin-D-Wert weiterhin als zuverlässigsten Standardmarker zur Beurteilung der Vitamin-D-Versorgung.


Wann freies Vitamin D trotzdem interessant sein kann

In bestimmten Situationen kann die Messung des freien Vitamin D zusätzliche Informationen liefern. Dazu gehören beispielsweise:

  • Schwangerschaft
  • schwere Lebererkrankungen
  • nephrotisches Syndrom (eine Nierenerkrankung)
  • genetische Veränderungen des Vitamin-D-Bindungsproteins

In solchen Fällen können die Transportproteine stark verändert sein, wodurch der Gesamt-Vitamin-D-Wert schwieriger zu interpretieren ist. Für die allgemeine Routine-Diagnostik gilt jedoch weiterhin:

Der Gesamt-25(OH)D-Wert (Calcidiol) ist der etablierte und am besten untersuchte Laborwert.


Fazit

Die Diskussion über freies Vitamin D zeigt, wie komplex der Vitamin-D-Stoffwechsel im menschlichen Körper ist. Obwohl die Messung des freien Anteils wissenschaftlich interessant ist, bleibt der Gesamt-Vitamin-D-Wert derzeit der wichtigste Standardmarker, um die Vitamin-D-Versorgung zu beurteilen. Freies Vitamin D kann in speziellen medizinischen Situationen zusätzliche Hinweise liefern – für die breite Bevölkerung ist dieser Laborwert jedoch bislang keine bessere Alternative zur klassischen Vitamin-D-Bestimmung.

Wichtiger als immer neue Laborwerte ist daher etwas anderes:
Eine ausreichende Versorgung mit Vitamin D, denn Vitamin D bleibt eines der zentralen Moleküle für Gesundheit, Immunsystem und Stoffwechsel.

Quellenangaben:

  1. Giustina, A., Bilezikian, J. P., Adler, R. A., Banfi, G., Bikle, D. D., Binkley, N. C., Bollerslev, J., Bouillon, R., Brandi, M. L., Casanueva, F. F., Di Filippo, L., Donini, L. M., Ebeling, P. R., Fuleihan, G. E., Fassio, A., Frara, S., Jones, G., Marcocci, C., Martineau, A. R., . . . Virtanen, J. K. (2024). Consensus Statement on Vitamin D Status Assessment and Supplementation: Whys, Whens, and Hows. Endocrine Reviews, 45(5), 625–654. https://doi.org/10.1210/endrev/bnae009

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